Auf Reisen

Hände, Füße und Google Translate

3. November 2015
love_knows_no_Border_burnett

Hallo alle zusammen,

ich habe nun einige Tage überlegt ob ich meinen Blogpost so verfassen soll. Ich habe ihn bereits 30 Minuten verfasst nachdem unsere Gäste abgereist sind. Mit ein paar Tagen Abstand bin ich immer noch der Ansicht dass man überspitzt klarstellen muss wie es nunmal wirklich ist, wie es wirklich ist wenn man hautnah in Kontakt mit den Menschen ist. Sie kennenlernt. Und dass Vorurteile keinen Platz in unserer Gesellschaft haben. Gegenüber niemanden.

Unsere privaten Erinnerungsfotos mit unseren neuen Freunden möchte ich allerdings nicht zeigen (ich habe ebenfalls überlegt). Ich möchte weder sie noch uns mit Bild zu sehr in die Öffentlichkeit drängen (und das ist ein Blog nunmal). Hier schreibe ich also nur von unseren Gästen, mit ihren Vornamen.

So, und nun zu meinem Ursprungs-Blogpost :-)

Eure Bernadette


Bereits in einem anderen Blogpost berichtete ich euch von unserem Besuch und den „Deutsch-Stunden“ die wir gemeinsam verbrachten.

Wir hatten bereits zum zweiten Mal Gäste bei uns, sogenannte Asylanwerber. Dieses Thema spaltet die Gesellschaft und ich möchte euch meinen Teil dazu berichten.


Zur Hintergrundinformation: Guarantee on Tomorrow ist ein kleiner lokaler Verein aus St. Pölten der sich um Notschlafquartiere für Asylanwerber bemüht. Für viele ist nicht sofort nach Antrag auf der Polizeistation ein Quartier verfügbar, und somit verbringen sie ihre ersten Tage als Obdachlose auf Österreichs Straßen. Der Staat Österreich versagt. An dieser Stelle nimmt sich Guarantee on Tomorrow der Sache an und sucht mit aller Kraft nach Schlafplätzen mit Dach über dem Kopf. So eine Notschlafstelle sind unter anderem wir.

In nur 2 Wochen konnten 72 Menschen vor der Obdachlosigkeit geschützt werden!


Unsere ersten Gäste waren eine Familie aus Afghanistan, Mutter, Vater und Kind (7). Für sie wurde bereits nach 24 Stunden ein Quartier gefunden. Mit Kind geht „das“ schneller.

Unsere nächsten Gäste, sie verließen unser Haus vor just 30 Minuten, waren das junge Paar Medhi (30) und Mozhdeh (25) aus dem Iran, Talal (43) aus dem Irak und Mifteh (23) aus Libyen. Sie waren 6 Tage zu Gast.

Medhi und Mozhdeh sprechen nur persisch, Talal arabisch mit Bruchstücken Englisch (yes, no…) und Mifteh arabisch, ein wenig Englisch und ziemlich fließend französisch.

Meine Familie spricht fließend deutsch, gut bis fließend Englisch, „Setze mich in Frankreich aus und ich komme irgendwie klar“-französisch und „Setze mich in Spanien aus und ich komme irgendwie klar“-spanisch.

Ihr könnt euch denken, die Kommunikation war schwierig- aber sie war machbar. Wir konnten uns über den Google Translater (sag‘ mir noch EINER das Internet sei unnütz!) und einen Freund meiner Schwester welcher Iraner ist verständigen. Mit Mifteh war die Kommunikation weitestgehend kein Problem und er übersetze weiters ins Arabische. Kurz: Hände, Füße und Google Translate.

Es waren schöne 6 Tage. Anstrengende 6 Tage. 6 Tage mit „Ups“ und „Downs“. Tage mit Tränen und Tage mit Lächeln. Wir lernten uns ein wenig kennen, wir zeigten einander Fotos (sie uns auf Facebook oder am Smartphone).


Ein paar Fallbeispiele- mit Vorurteilen aufräumen

Hier gehe ich bewusst überzogen auf rassistische Vorurteile ein. Vielleicht landet ja der ein oder andere auf meinem Blog der Unwahrheiten glaubt oder auch selbst verbreitet. Meinen Lesern unterstelle ich dies natürlich nicht :-) Wir sind alle Mensch, Mensch ob hier oder dort bleibt Mensch. So wie wir in Oberösterreich und in Ostfriesland diverse unterschiedliche Bräuche haben, so haben wir sie auch im Irak oder Iran. Wenn man (Ge)Bräuche kennenlernt, kann man sein Repertoire übrigens auch um so einige tolle Festlichkeiten erweitern 😉

Kulturelle Unterschiede

Ja, die gibt es. Natürlich. Zu Hauf. Aus dem Iran, Irak und Libyen ins „liberale Europa“. Das kann schon ein Kulturschock sein. Dass mein Freund und ich nicht verheiratet sind und trotzdem zwei Kinder haben, das sorgte schon für Verwunderung. Dass meine Schwester und ihr Freund zusammenleben und ebenfalls nicht verheiratet sind ebenso. Wir erklärten die Basics, die Hard Facts, die man mit Europa verbindet. Die Reaktion? Was meint ihr? Just ein schlichtes okay. „Your Country, your rules. It’s good!“
Übrigens bekam ich auch auf das Thema „Vegan“ die Reaktion die ich mir in Österreich und Deutschland oft wünschte. „I respect you, you respect me. You are good people“.

Das Essen

Jaaa.. Das gute Essen. Hier machte sich der kulturelle Unterschied sehr bemerkbar. Im Grunde genommen kann man diese simple Regel anwenden: Für uns sehr gut- für „die anderen“ okay bis grenzwertig. Bis auf Kartoffeln. Das geht. Natürlich wollten sich unsere Gäste nichts anmerken lassen, aber ihr kennt das ja selbst wenn ihr etwas esst was euch nicht schmeckt- haha- da macht das Gesicht nunmal diese Bewegungen die man nicht kontrollieren kann. 😉 So übernahmen mal unsere Gäste das Essen kochen (und den Abwasch, Leute meine Küche war noch nie so sauber!) und mal wir. Wir fanden das Essen der Männer übrigens super, aber wir hatten auch einen Koch zu Gast 😉

Ordnung 

Im Internet lese ich leider, leider viele, viele Hetzkommentare über vermüllte Züge, Heime ect. Dass solche Kommentare (so) nicht der Wahrheit entsprechen und Fotos von Fußballspielen und Co als solche ausgegeben werden, muss ich meinen Lesern hoffentlich nicht erklären. Mit tausenden Menschen auf engstem Raum entsteht natürlich Müll, das lässt sich in keinem Fall vermeiden. Aber Müll entsteht auch auf der Reeperbahn (dieser wäre übrigens vermeidbar). Warum wird also so auf diesem „Argument“ beharrt?

Ich berichte nun also vom Gegenteil; meine Gäste ließen es sich nicht nehmen mir unter die Arme zu greifen und räumten mein Wohnzimmer und meine Küche auf. Auch der Tisch war plötzlich blitzeblank abgewischt. Und ihr wisst wie 2 Kleine Kinder die Tische versiffen können! Als wir „Standard-Besuch“ bekamen, folgte sogleich der erstaunte Satz: „He Berni, es ist ja voll aufgeräumt!“ (Ohne weiteren Kommentar)

Deutsch lernen

Auch das lese ich nur allzuoft „im Internet“. „Die (Betonung auf anonymer Masse an Menschen) wollen ja kein Deutsch lernen!“. All diese Zweifler, all diese die solche Behauptungen in den Raum stellen hätte ich gerne die letzten 6 Tage erlebt. Wie sie sehen wie unsere Gäste, Medhi, Mozdeh, Talal und Miftah, sich alle deutschen Kinderbücher schnappten, uns ausfragten, das Alphabet lernten, die Aussprache übten, Vokabel lernten, deutsche Zahlen, Wochentage, Monate und Jahreszeiten vor sich hinmurmelnd im Kreis liefen.
Besonders Mifteh weißt eine unglaubliche Sprachbegabung auf. Sein gesetztes Ziel, innerhalb von 6 Monaten deutsch sprechen zu können, wird ihm ein leichtes werden.

Respekt

Was soll ich denn dazu nun sagen. Ich, und meine Familie, respektieren jeden der uns mit Respekt begegnet, und so sind unsere Gäste auch. So verhält sich jeder vernünftige Mensch, egal woher er kommt.

Nur Menschen die Hass und Hetze verbreiten haben keinen Respekt.


Nun verbrachten wir also beinahe ganze 6 Tage zu 10. im Haus, nicht als Muslime, nicht als Christen, nicht als Atheisten, nicht als Iraker, nicht als Österreicher, nicht als Iraner, nicht als Libyer- als MENSCHEN. Mit unserer eigenen Persönlichkeit. Jeder, der er_sie nunmal ist, so als Gesamtpaket. Friedlich, einander helfend. Und es war schön, es war traurig. Es war berührend.

Denkt nach bevor ihr „gegen jemanden“ seid, bevor ihr behauptet „sie nehmen euch etwas weg“.

Dass Menschen in unserem Land Entscheidungen treffen, ohne jemals Kontakt zu den Betroffenen hatten, die so weit weg von der Realität sind, finde ich traurig und beschämend.

Vielleicht regt dieser Beitrag den ein oder anderen zum Umdenken an. Und nun ziehe ich die Betten ab und bereite es für die nächsten Gäste vor.

Eure Bernadette


 

Wichtige Links:
Guarantee on Tomorrow (und Taxi for Tomorrow) 
Deutsch Bildwörterbuch (Farsi, Arabisch, Kurdisch)
Aussprache Deutsch
Blogger für Flüchtlinge (Online Hilfe für jede_n)


Den Banner für Facebook dürft ihr euch natürlich auch mitnehmen :-) Dies sind die Hände meiner Schwester und Talals. Einfach Rechtsklick, speichern unter :)

love_knows_no_Border_burnett

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Kommentare

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2 Comments

  • Reply Stefanie Tömel 3. November 2015 at 8:43

    Liebe Bernadette,

    vielen, vielen Dank für diesen tollen Artikel!!!
    Ich habe eben auf Facebook einen Post samt Diskussion gelesen, da stellt es mir die Nackenhaare auf…
    Darf man deinen Beitrag hier auf FB teilen und verlinken?

    LG Steffi

  • Reply kristina 3. November 2015 at 9:20

    Danke für diesen tollen Bericht!!!
    Und wenn ich das lese, kann ich mal wieder nicht begreifen, dass es wirklich menschen gibt, die das alles nicht so sehen!
    Es ist so traurig, aber vor allem unbegreiflich!
    LG Kristina

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